Mittwoch, 6. April 2016

Über die Bedeutung der Echtheit von Gefühlen und was man beim Helfen-Wollen beachten sollte.

Interessantes und gutes Interview über die Bedeutung des Sich-Einfühlens, des Abstand-Haltens, der Bedeutung der Tiefe von Gefühlen und was wir offensichtlich nicht ganz unbegründet bisweilen in Bezug auf die Echtheit von Gefühlen bei Anderen spüren (z.B., dass ich das Gefühl habe, die Gefühle von Joachim Gauck und Angela Merkel sind sowas an der Oberfläche ...)

Spektrum.de: Herr Professor Esch, macht helfen glücklich?
Tobias Esch: Grundsätzlich ja. Einer der zentralen Wege zum Glück liegt im Altruismus, also darin, etwas zu tun ohne die Aussicht, etwas dafür zurückzubekommen. Ich erlebe Sinnhaftigkeit durch die Verbundenheit mit anderen Menschen, die auf meine Hilfe warten oder sogar auf sie angewiesen sind. So fördere ich nicht nur das Glück der anderen, sondern auch mein eigenes.

Dann müssten ja Menschen in helfenden Berufen, wie etwa Ärzte oder Psychotherapeuten, besonders glücklich sein?
Das könnte man meinen, denn alle Voraussetzungen zum Glücklichsein sind in diesen Berufen vorhanden. Deswegen üben sie auch seit jeher eine große Faszination auf uns aus. Leider läuft hier etwas verkehrt: Viele Kollegen verzweifeln am Unglück der anderen, sind überlastet, erleiden ein Burnout oder bekommen eine Depression. Auch Suchtprobleme und Suizide treten zum Beispiel statistisch gesehen unter Ärzten häufiger auf.

hier: http://www.spektrum.de/news/viele-aerzte-und-therapeuten-verzweifeln-am-unglueck-anderer/1389591

Was im Interview nicht angesprochen wird:

Ich vermute, eine entscheidende Voraussetzung, um wirklich helfen zu können, ohne selbst krank zu werden, ist, dass man nicht hilft, weil einem in der Kindheit selbst nicht wirkliche Hilfe und Vertrauen zuteil wurde und man aus dem Grund anderen helfen will oder in Wahrheit selbst Hilfe sucht.
Wenn das die Motivation ist, dann wird man bei Helfen irgendwann krank.

Wenn eine solche Situation in der Kindheit vorliegt, kann man dennoch ein Super-Therapeut werden, denke ich, wenn man nämlich diese Situation in der Kindheit bearbeitet hat. Dann ist man wirklich erwachsen und hat  zudem die Erfahrung, wie es ist, als Kind zwischen und in den emotionalem Seilen zu hängen.

Mittwoch, 3. April 2013

... und die Reue ist doch kein leerer Wahn ... - Über ein ganz besonderes und leider viel zu unbekanntes Gefühl.


Schiller möge mir verzeihen, dass ich seine Worte aus der Bürgschaft auf meine Weise abgewandelt habe; eigentlich steht dort ja:

Und die Treue ist doch kein leerer Wahn ...

Unwillkürlich fällt auf, dass das Wort Reue in T-reue enthalten ist. Ist Reue Voraussetzung für Treue?
Dazu ein andermal mehr

In der letzten Zeit habe ich viel über Reue nachgedacht und gemerkt, dass Reue nicht gleich Reue ist bzw. dass die Reue ein Tiefenbarometer hat, wie ich es mir nicht hätte vorstellen können.

Vor ein paar Wochen habe ich bei Stefan v. Jankovich, der ja damals für mich Ausgangspunkt einiger Posts zum Thema Nahtod und Sterben war, etwas über Reue gelesen; seitdem war das Thema latent in mir, und ich habe mir damals vorgenommen, die Worte des gebürtigen Ungarn aus seinem Buch Ich war klinisch tot später aufgreifen – was ich nun hiermit tue:

Ich erkannte (..), daß unsere Moralbegriffe im Jenseits keine Gültigkeit haben. Seit jener Zeit bin ich allen menschlichen Moralbegriffen gegenüber kritisch eingestellt. Ich habe mich sehr viel mit diesen Problemen beschäftigt und tue dies auch weiterhin. Heute scheint es mir, daß die negativen Gedanken und Taten immer mein Versagen darstellten, bei welchem es mir nicht gelang, Proben des Lebens zu bestehen, mit Proben der Vergangenheit fertigzuwerden und mich von diesen Belastungen zu befreien.
Bei der Beurteilung spürte ich, daß das ganze Leben eine Probe war, voll mit Problemen, Hindernissen und Hürden. Wichtig war, wie ich diese Probleme, diese Situationen im Sinne der Harmonie löste. Gelang mir das, so spürte ich große Freude. Gelang es mir nicht, so verspürte ich tiefes Bedauern über mein Versagen. Aber auch durch das Eingestehen und echte Reue öffnete sich die Tür der Göttlichen Vergebung. Danach wurden die Gedanken und Taten, die einen Verstoß gegen das Gesetz der Harmonie und der Liebe darstellten, ausgeblendet und verschwanden. Warum? Ich glaube einfach deshalb, weil im Gottesprinzip nichts Böses enthalten ist. Es blieben nur die positiven, glücklichen und harmonischen Ereignisse, die bestandenen Prüfungen als Gesamterlebnis, die ich alle wieder gleichzeitig, d. h. in sogenannter „Nullzeit", als die schönste Illusion erlebte. Man kann sagen, daß man nur die guten Noten mitnimmt — um mich eines Gleichnisses aus der Schule zu bedienen. Die nicht bestandenen Prüfungen in den einzelnen Fächern muß man wieder versuchen, bis es uns einmal gelingt, sie zu bestehen. Dies könnte die sogenannte karmische Belastung darstellen.

Stefan v. Jankovich schreibt für mich sehr authentisch und er ist nicht einer der Schönwetter- und Licht-und-Liebe-Esoteriker(innen).
Allerdings kollidiert, was er schreibt, doch eigentlich mit dem Gedanken des Jüngsten Gerichts. Darüber habe ich mir schon an anderer Stelle Gedanken gemacht und ich glaube, es verhält sich damit nicht so, wie uns kirchliche Institutionen und eine orthodoxe Theologie und Bibelauslegung weismachen wollen. 
Deshalb widersprechen Jankovichs Gedanken zum Thema Reue und Vergebung meines Erachtens nicht der Bibel.
Wenn jemand den verlorenen Sohn erlebt hätte, als er das Gut und Geld seines Vaters mit Huren und Prassen auf den Kopf gehauen hätte, hätte er als rechtschaffener Christ das Kreuz und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und ihn in der ewigen Verdammnis sehen müssen.
Genauso ist es nicht.

Ewigkeit und Jüngstes Gericht – das sind Begriffe unseres Zeit-Verständnisses

Aber so einfach, der ewigen Verdammnis, die es ja - richtig verstanden - wirklich gibt, zu entgehen, wie manche glauben, ist es auch nicht.
Ich glaube nicht, dass es eine ewige Verdammnis im üblich religiösen Sinne gibt; ewig - das ist ein Begriff der Zeit. Was wir anstreben ist ein Leben aus und in Liebe. Das aber befindet sich im Grunde außerhalb unserer Zeitbegriffe. Auch ein Begriff wie das Jüngste Gericht ist ein Begriff, der unserem Zeitverständnis Rechnung trägt. 
Ich persönlich nehme an, dass es etwas gibt, was außerhalb jeder Form von Gericht, außerhalb von dem, was wir Zeit nennen, liegt.
Nur: Wie komme ich dahin? 
Wie komme ich zurück zu einem Zustand, der dem Urzustand der Menschen entspricht, einem Leben in wahrer Liebe?
Welche Rolle spielt hier Reue?
Wie gelingt dieses tiefe Bedauern, von dem Jankovich spricht?

Katharsis des Tempels und der Seele

Muss man in den Bauch des Wals wie Jonas, als er sich dem göttlichen Auftrag entzieht, nach Ninive zu gehen, und von den Fischern, in deren Boot er sich befindet und die erkennen, dass er verantwortlich ist für den Sturm, in den sie geraten sind, über Bord geworfen wird?
Ja, man muss! 
Ich glaube, es geht nicht ohne.
Ohne Leid geht es nicht. Die Menschen sind zu resistent geworden gegen Wandlung ohne Leid.
Das ist auch der Grund, warum die griechische Kultur so großen Wert auf Katharsis legte, auf die Reinigung der Seele. Ohne diese Reinigung, so die Übersetzung des griechischen Wortes, geht es nicht. Deshalb reinigt Jesus in der Bibel so energisch den Tempel.
Der Tempel, das ist die Seele des Menschen. Ohne deren energischer Reinigung, ohne Katharsis geht es nicht. – Und genau hier hat Reue ihre Bedeutung.

Menschen haben zu viele Möglichkeiten entwickelt, sich abzuschotten von den emotionalen Tiefen des Lebens. Über Gefühle wird viel gesprochen, aber das ist kein Garant, Gefühle zu empfinden.

Reue ist ein Gefühl, ein Gefühl der Tiefe!

Reue hat mit Einsicht zu tun, mit einem Tiefenverständnis von dem, was das Neue Testament im Griechischen Hamartia nennt und Luther mit Sünde übersetzt. Gemeint aber sind FehlerVerfehlungen, Abweichungen von unserem Weg, so wie Hänsel und Gretel und viele Märchenhelden sich verlaufen, sind Irrungen und Wirrungen.
Reue bedeutet, auf dem Bewusstseinsweg zu sein, was es mit diesem Irren auf sich hat, mit diesen Fehlern.

Allerdings, was sich aus allem ergibt: Mit dem Kopf löse ich diese Irrungen nicht auf.

Irrungen sind kein Makel. Diesen geradlinigen Weg, wie ihn sich viele wünschen, gibt es auf der Erde nicht, genauso wenig wie der Ozean in größter Regelmäßigkeit an die Gestade der Länder brandet. Es gibt keinen Fahrplan für Wellen, für die Gezeiten schon, aber nicht für die Wogen, auch nicht für die Wogen des Lebens. Wir können ihnen nicht ausweichen, wenn wir wissen und lernen wollen, was Leben ist. 
Manche versuchen es, doch sie stehen ewig auf einer Aussichtsplattform, zeigen auf das Leben und reden klug darüber. Manche spüren, wie blutleer deren Gerede ist.
Wer leben will, setzt sich seinen Fehlern aus, setzt sich dem Maßstab der Liebe aus.
Wenn jemand das tut, springt er ins Wasser. Das ist etwas anderes als das Stehen auf der Aussichtsplattform.

Hilft Reue, die tosenden Wasser des Lebens zu beruhigen?

Woher kommt eigentlich das Wort Reue?
Und wie sieht wirkliche Reue aus?
Gibt es eine Instanz, auf deren Vergebung wir angewiesen sind?
Demnächst dazu mehr.

Sonntag, 21. Oktober 2012

Voraussetzung für Gefühle der Liebe zu uns ist ein lebendiges inneres Kind - Michael Endes unendlich tolle Geschichten geben davon Zeugnis


Das kann einen schon etwas sprachlos machen, auf welch geniale Weise Michael Ende in seiner Rede Über das Ewig-Kindliche, gehalten in Tokio am 19. August 1980, auf den Punkt bringt, was im Anschluss an ihn in Bezug darauf, was das Wesentliche des inneren Kindes ausmacht, viele Psychologen kaum so überzeugend hinbekommen haben. 
In seinen Worten klingt das Wissen um den puer aeternus, jenes Kind - es ist genauso eine puella aeterna, das seit Urzeiten die Triebfeder der Menschen ist, an, es klingt an das Wissen um das Land der Phantasie, den Raum der Kunst, das Wissen um ein zielgerichtetes Leben durch Absichtslosigkeit, ohne das alles es kein wahres Menschsein gibt.
Deshalb schreibt er auch in seinem Kurzen Nachwort im Anschluss an Momo, dass er auf einer großen Reise (!) war, als ihm die Geschichte über dieses Kind, von dem der Roman handelt, erzählt wurde, und zwar von einem merkwürdigen Passagier in einem Eisenbahnabteil.

Merkwürdig insofern, als es mir völlig unmöglich war, sein Alter zu bestimmen. Anfangs glaubte ich, einem Greis gegenüberzusitzen, doch bald sah ich, dass ich mich getäuscht haben musste, denn mein Mitreisender erschien mir plötzlich sehr jung. Doch auch dieser Eindruck erwies sich bald wieder als Irrtum. Jedenfalls erzählte er mir während der langen Nachtfahrt diese ganze Geschichte. Nachdem er damit zu Ende war, schwiegen wir beide ein Weilchen. Dann fügte der rätselhafte Passagier noch einen Satz hinzu, den ich dem Leser nicht vorenthalten darf. »Ich habe Ihnen das alles erzählt«, sagte er nämlich, »als sei es bereits geschehen. Ich hätte es auch so erzählen können, als geschehe es erst in der Zukunft. Für mich ist das kein so großer Unterschied.« Er muss dann wohl an der nächsten Station ausgestiegen sein, denn ich bemerkte nach einer Weile, dass ich allein im Abteil war.

Dieser Mitreisende ist zeitlos; das betrifft nicht nur sein biologisches Alter, denn dieser Reisende kann eben Kind sein, wenn er will, auch Greis, je nachdem :-)) 
Wer will, trifft ihn oder traf ihn, zu allen Zeiten. Aber dazu muss man das Kind in sich bewahrt haben, sonst wird das nicht geschehen.
Wie gesagt, dieses Kind ist das ewige Kind in uns, es ist ewig, weil es in allen Menschen ist und uns begleiten will durch alle Leben.
Michael Ende weiß darum, wie Du gleich lesen kannst:

(...)  im Grunde schreibe ich überhaupt nicht für Kinder. Ich meine damit, dass ich während der Arbeit niemals an Kinder denke, mir niemals überlege, wie ich mich etwa ausdrücken muss, damit Kinder mich verstehen, niemals einen Stoff auswähle oder verwerfe, weil er für Kinder geeignet oder nicht geeignet ist. Bestenfalls könnte ich noch sagen: Ich schreibe die Bücher, die ich als Kind gerne selbst gelesen hätte. Diese Formulierung hört sich hübsch an, aber sie trifft nicht ganz die Wahrheit, denn ich schreibe auch nicht aus einer Erinnerung oder Rückbesinnung an meine eigene Jugend. Das Kind, das ich einmal war, lebt noch heute in mir, es gibt keinen Abgrund des Erwachsenwerdens, der mich von ihm trennt, im Grunde fühle ich mich als der Gleiche, der ich damals war. An dieser Stelle sehe ich vor meinem inneren Auge so manchen Psychologen bedenklich die Stirn runzeln und murmeln: Er ist eben nie wirklich erwachsen geworden. Das gilt ja heutzutage als schwerwiegender Fehler. Nun, sei's drum, ich gebe es zu, ich bin wohl tatsächlich nie so richtig erwachsen geworden. Ich habe mich mein Leben lang dagegen gewehrt, das zu werden, was man heutzutage einen richtigen Erwachsenen nennt, nämlich jenes Krüppelwesen, das in einer entzauberten, banalen, aufgeklärten Welt sogenannter Tatsachen existiert. Und ich berufe mich dabei auf das Wort eines großen französischen Dichters: Wenn wir ganz und gar aufgehört haben, Kinder zu sein, dann sind wir schon tot. Ich glaube, dass in jedem Menschen, der noch nicht ganz banal, noch nicht ganz unschöpferisch geworden ist, dieses Kind lebt. Ich glaube, dass die großen Philosophen und Denker nichts anderes getan haben, als sich die uralten Kinderfragen neu zu stellen: Woher komme ich? Warum bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Ich glaube, dass die Werke der großen Dichter, Künstler und Musiker dem Spiel des ewigen und göttlichen Kindes in ihnen entstammen; dieses Kind, das ganz unabhängig vom äußeren Alter in uns lebt, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig; dieses Kind, das nie die Fähigkeit verliert zu staunen, zu fragen, sich zu begeistern; dieses Kind in uns, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft; dieses Kind in uns, das bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft bedeutet. 
Wenn es mir erlaubt ist, so möchte ich dem Wort Goethes vom Ewig-Weiblichen in aller gebotenen Bescheidenheit das Ewig-Kindliche beigesellen, ohne das der Mensch aufhört, Mensch zu sein. Für dieses Kind in mir und in uns allen erzähle ich meine Geschichten, denn wofür sonst lohnte es sich überhaupt, etwas zu tun? Es sind also durchaus keine pädagogischen oder didaktischen Absichten, die mich bei meiner Arbeit leiten. 
(...) Die wahre, eigentliche Triebfeder, die mich beim Schreiben bewegt, ist die Lust am freien und absichtslosen Spiel der Phantasie. Für mich ist die Arbeit an einem Buch immer von neuem eine Reise, deren Ziel ich nicht kenne, ein Abenteuer, das mich vor Schwierigkeiten stellt, die ich vorher nicht kannte, durch das Erlebnisse, Gedanken, Einfälle, in mir hervorgerufen werden, von denen ich nichts wusste - ein Abenteuer, an dessen Ende ich selber ein anderer geworden bin als der, der ich zu Anfang war. Ein solches Spiel kann man nur absichtslos treiben, denn wer vorher schon wissen oder planen will, wohin ein solches Abenteuer einen führt, der verhindert damit schon, dass es dazu kommt.

Tja, es kann schon sein, dass nur Kinder oder Erwachsene mit einem lebendigen inneren Kind diesen Mut aufbringen, absichtslos zu schreiben, zu leben, zu sein ...
... und dadurch unendlich zielgerichtet ...
... weil sie  gerade dadurch aus der Quelle des Kindes schöpfen ...

Beide Texte aus Michael Ende, Momo. Schulausgabe mit Materialien. Stuttgart/Wien 2005
Mehr von Michael Ende HIER und HIER
Post auch veröffentlicht auf  Die Welten  meiner und unserer inneren Kinder

Freitag, 18. November 2011

Der Wunsch nach Leben in allem Sein. – Andreas Webers "Alles fühlt".



Für die kleinste Zelle wie für den Menschen gilt: Es gibt kein Leben ohne Gefühle.

Dass Gefühle so in den Mittelpunkt rücken, das ist neu und genauso mutig wie der Titel des 2007 erschienenen Buches von Andreas Weber: Alles fühlt.

Wer nur rationalistisch-wissenschaftliche Aussagen erwartet und keinen Sinn haben mag für persönliche Ausführungen und Landschaftsbeschreibungen sollte die Finger von dem Buch lassen.
Dieses Buch ist nichts für nur linkshirnige Leser.

Für mich jedoch ist es ein absoluter Gewinn, weil es Zusammenhänge zu Aussagen herstellt, die mir schon immer viel bedeutet haben. Das gilt zum Beispiel für die Aussage von Novalis:

Der Sitz der Seele ist da, wo sich Innenwelt und Außenwelt berühren.
Wo sich sich durchdringen, ist er in jedem Punkte der Durchdringung.
Für Andreas Weber ist die Natur keine stumme Kulisse, sondern durchflutet von Ausdruckskraft. Immer ist das Empfinden der Wesen in deren körperlicher Gegenwart zugänglich. Der Wunsch nach Leben, der für Weber in allem Sein ist, durchtränkt die Materie, durchtränkt den Stoff mit dem einem Wesen innewohnenden Interesse am Leben; und dieses Interesse drängt immer in die Sichtbarkeit; das gilt für die Kröte genauso wie für den Fliegenpilz oder den Menschen. Und es gilt gerade auch für die Pflanzen.
Im Pflanzenreich ist besonders gut zu erkennen, wie sehr die Körperlichkeit der Pflanze, also ihre Gestalt, ihr Aussehen die Sehnsucht des Lebendigen zum Ausdruck bringt; in diesem Zusammenhang ist es für den Autor erstaunlich, wie sehr die Biologie in der Vergangenheit den ausdrucksvollen Charakter der Lebewesen aus den Augen verloren habe.
Jedes Lebewesen fühlt und in der Leiblichkeit jedes Wesens zeigt sich sein Fühlen. Webers Gedanke, dass Materie ohne Gefühl nicht möglich sei, wird vielen Wissenschaftlern in den Ohren dröhnen; schließlich gewinnt der körperliche, der materielle Ausdruck ein Recht und eine Bedeutung, wie wir sie aus anderen Bereichen, z.B. der Bioenergetik kennen, doch aber nicht aus der Biologie, nicht für Zellen und ganz einfaches Leben.
Fühlen und Liebe zur Natur und Natur, die fühlt und liebt: Klar werden noch lange Zeit viele Forscher diese Liebe und dieses Fühlen als eine nostalgische und romantische Denkklamotte ansehen - und schließlich kann man ja auch solches Denken als esoterisch brandmarken.
Vergessen wir, wenn wir das lesen, nicht: Webers Denken setzt auch ein einigermaßen intaktes Verhältnis zu Fühlen und Liebe voraus! Bei nicht wenigen Menschen ist das aufgrund ihrer familiären Sozialisation - denken wir an die Ergebnisse der Spiegelzellenforschung eines Joachim Bauer - gar nicht vorhanden. Wie wollen sie sich dann Webers Positionen öffnen?!
Alle Natur fühlt- Über diesen Zusammenhang schreibt Weber anschaulich, in Kenntnis aktueller Forschungsergebnisse, persönlich und lebendig.
Auf Dauer, so meine ich, werden die traditionellen Biologen nicht verheimlichen können, dass ihre Ablehnung solcher Gedanken damit zusammenhängt, dass dieses neue Bild vom autonomen, sich selbst organisierenden Leben ihnen Angst machen könnte. Es setzt eine Offenheit und ein Sich-Öffnen dem Leben gegenüber voraus, ein Ja-Sagen zum Leben, das vielen - nicht nur Biologen - nicht möglich ist. Die Einstellung zum Leben beginnt schließlich schon beim eigenen Gezeugtwerden und was dabei an Gefühlen einfloss, was sich an Fühlen in der Schwangerschaft abspielt und es hängt auch mit der Übernahme traditioneller, veralteter Denkmuster in der Schule zusammen, die womöglich noch lange gelehrt werden; ich habe z.B. noch keinen Schüler in der Oberstufe getroffen, der über die Spiegelzellenforschung eines Joachim Bauer informiert war, obwohl sie für unser Wirklichkeitsverständnis fundamental ist, gerade auch für die 17- und 18-Jährigen als zukünftige Mütter und Väter.
Kehren wir zu den Aussagen von Novalis zurück, denn sie bekommen auf dem Hintergrund von oben Gesagtem eine ganz neue Dimension; Inneres hat immer den Wunsch, sich zu äußern, und das Äußere erzählt uns vom Inneren. Und an der Schnittstelle von beidem, wo sich beides sozusagen vereint, dort ist der Sitz der Seele.
Jedes Leben, ob in der Zelle oder im Menschen, ist, so betont Andreas Weber, subjektiv, hat seine Subjektivität und organisiert sich selbst, denn jede Lebensform ist eigenständig und individuell und hat das Bestreben eine eigenständige Identität aufzubauen. Leben ist keine Abfolge von Ursache-und-Wirkungsmechanismen, die zwangsläufig ablaufen, sondern jedes Leben lebt sein Leben autonom. Jede Zelle betreibt Selbstschöpfung; sie investiert den größten Teil ihrer Zeit dahinein, die Ordnung in ihrem Inneren zu erhalten, zu stabilisieren, neu aufzubauen.
Eine einzige Körperzelle repariert in jeder Sekunde bis zu einem Dutzend von zerstörten DNA-Verbindungen. Andernfalls wäre ihr Leben bald zu Ende.
Da jedes Leben angefüllt ist mit Sinn und Gefühl, gewinnt Rilkes Weltinnenraum, über den ich an anderer Stelle geschrieben habe, eine neue Dimension, denn genau das ist der Raum, in dem alle Lebewesen miteinander kommunizieren. Der Weltinnenraum ist sozusagen die Heimat der Gefühle aller Lebewesen.
Für mich ist das ein gigantischer Gedanke, und für mich ist er wahr.
Und auch Goethes Wort in seinem Faust - Gefühl ist alles - gewinnt eine neue Dimension.
Es sind solche Bücher wie das von Andreas Weber, wie Arthur Zajoncs Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein oder Morris Bermans Wiederverzauberung der Welt, immerhin schon 17 Jahre alt, die Hoffnung geben, dass ein neues Bewusstsein sich erfolgreich Bahn bricht.
Als Lehrer sage ich: Schade, dass es oft Jahrzehnte dauert, bis solche Gedanken in die Lehrpläne Einzug halten, man denke nur an das Schicksal quantenphysikalischen Denkens im Zusammenhang mit Schule.
Na ja, bis das heliozentrische Weltbild sich durchgesetzt hat, hat es auch mehrere Jahrhunderte gedauert und schließlich sagen wir noch heute, die Sonne geht auf, obwohl sie ruhig am Firmament steht und wir uns drehen ... 
PS. Eine leider notwendige Nachbemerkung findet sich hier.
Cover und Zitate sind entnommen
Andreas Weber: Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaft.
Berliner Taschenbuch Verlags GmbH, Hamburg 2008.
Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg

Montag, 16. Mai 2011

Jeder Mensch hat das Bedürfnis zu lieben - In der Atmung liegt das Geheimnis des Lebens - Wenn wir einen Glauben haben, ist uns das Leben kostbar ...

Das sind zentrale Sätze aus Alexander Lowens Buch "Depression. Unsere Zeitkrankheit. Ursachen und Wege der Heilung". Es ist fast dreißig Jahre her, dass ich es durchgearbeitet habe. Ja, ich habe es damals durchgearbeitet, Seite für Seite sehr bewusst aufgenommen, denn wie Lowen so klar und deutlich die Bedeutung des Körpers für die Seele in den Mittelpunkt rückt, das hatte ich bis dato nirgendwo gelesen. Und noch heute bin ich fasziniert, wie es ihm gelingt, die Bedeutung des Glaubens als eines Körperausdrucks deutlich zu machen und was einen no-body von einem jemand unterscheidet.
Vorweg möchte ich für denjenigen, der den Mann nicht kennt, ihn kurz vorstellen
A.Lowen - er ist übrigens 2008 im Alter von 98 Jahren verstorben -, Verfasser zahlreicher Bücher, Arzt und Psychotherapeut, ist Begründer der Bioenergetik; sein zentrales Anliegen war es, die Bedeutung des Körpers für die Heilung der Seele deutlich werden zu lassen. Ein Weg der Heilung bzw. ein sinnvoller Weg, gesund zu bleiben, führt seiner Meinung nach über ein bewussteres Wahrnehmen unseres physischen Seins; hierfür empfahl er einfache körperliche Übungen, die die Atmung fördern und unterdrückte Energien mobilisieren. Die leib-seelische Gesundheit bzw. Gesund-Werdung beruhte für ihn also darauf, auf beiden Beinen - mit Körper und Seele - durch das Leben zu gehen.
Lowens Sichtweise geht vom Körper aus und unbestreitbar ist in jedem Fall sein Verdienst, die Bedeutung des Körpers für ein umfassendes Gesund-Sein einer interessierten Leserschaft transparent gemacht zu haben. 
Und nun ein Auszug aus dem oben erwähnten Buch:
"Jeder Mensch hat das Bedürfnis zu lieben, und er braucht das Gefühl, dass seine Liebe angenommen und in gewissem Maß erwidert wird. Liebe und Fürsorge setzen uns in Beziehung zur Welt und geben uns das Gefühl, zum Leben zu gehören. Geliebt zu werden ist nur insofern wichtig, als es den aktiven Ausdruck unserer eigenen Liebe erleichtert. Man wird nicht depressiv, wenn man derjenige ist, der liebt. Durch Liebe drückt man sich aus und bestätigt sich in seinem Sein und seiner Identität.
Selbstausdruck ist ein weiteres Grundbedürfnis aller Menschen und aller Geschöpfe. Das Bedürfnis nach Selbstausdruck liegt aller schöpferischen Tätigkeit zugrunde und ist die Quelle unserer größten Lust [. . .] Bei vielen Leuten beschränkt er sich auf einen kleinen Bereich des Lebens, gewöhnlich ihre Arbeit oder ihr Geschäft, und selbst auf diesem eng begrenzten Gebiet ist der Selbstausdruck eingeschränkt, wenn der Betreffende zwanghaft oder mechanisch arbeitet. Sein Selbst erlebt man durch Selbstausdruck, und das Selbst verblasst, wenn die Wege des Selbstausdrucks verschlossen sind.
Das Selbst ist im Grunde ein körperliches Phänomen, und Selbstausdruck bedeutet daher den Ausdruck des Gefühls. Das tiefste Gefühl ist Liebe, aber alle Gefühle sind Teil des Selbst, und eine gesunde Persönlichkeit kann sie zum Ausdruck bringen. Tatsächlich bestimmt der Umfang der Gefühle, die jemand ausdrücken kann, die Fülle seiner Persönlichkeit [. . .] Die Mittel, mit denen Gefühle ausgedrückt werden, sind die Stimme, die Körperbewegung und die Augen. Wenn die Augen trüb sind, die Stimme tonlos und die Motilität eingeschränkt ist, sind diese Möglichkeiten versperrt [. . .]
Zu den von vielen von uns so hartnäckig verfolgten Zielen gehören Reichtum, Erfolg und Ruhm (Berühmtheit). In unserer Kultur ist es etwas Mystisches, reich zu sein. Wir teilen die Leute ein in „Besitzende“ und „Besitzlose“. Wir glauben, die Reichen seien insofern privilegiert, als sie die Mittel besitzen, sich ihre Wünsche zu erfüllen und daher sich selbst zu verwirklichen. Leider ist es für viele Menschen keineswegs so. Die Reichen werden ebenso depressiv wie die Armen. Keine noch so große Summe Geld kann einem die Art von innerer Befriedigung verschaffen, die allein das Leben lebenswert macht. In den meisten Fällen zieht der Drang, Reichtum zu erwerben, Kräfte von Tätigkeiten ab, die schöpferischer sind und mehr dem Selbstausdruck dienen, wodurch eine geistige Verarmung zustande kommt.
Reichtum und Ruhm sind etwas verschiedene Kategorien. Der Drang nach Erfolg und Ruhm beruht auf der Illusion, sie steigerten nicht nur unsere Selbstachtung, sondern auch die Achtung anderer vor uns, und sie könnten uns die Geltung und Billigung verschaffen, die wir zu brauchen scheinen. Ja, sie vergrößern unsere Selbstachtung und vermehren unser Ansehen in der Gemeinde. Aber diese Scheingewinne bedeuten wenig für den inneren Menschen. Zu viele erfolgreiche Leute haben schon auf dem Gipfel des Erfolgs Selbstmord begangen. Noch nie hat jemand durch seinen Ruhm wahre Liebe gefunden, und nur wenige haben durch ihn ihr Gefühl innerer Einsamkeit überwunden. Gleichgültig, wie laut der Beifall oder wie heftig der Jubel der Menge sein mag, er lässt das Herz unberührt. Zwar werden diese Ziele in der Massengesellschaft glorifiziert, aber das wirkliche Leben wird immer noch auf einer ganz persönlichen Ebene gelebt.
Wir können daher ein unwirkliches Ziel als ein Ziel definieren, an das sich unrealistische Erwartungen heften. Das wirkliche Ziel, das hinter dem Drang nach Geld, Erfolg oder Ruhm steckt, ist Selbst-Annahme, Selbst-Achtung und Selbst-Ausdruck. Arm zu sein, ein Versager oder ein Unbekannter zu sein, bedeutet für viele, ein „Niemand“ zu sein, daher auch nicht wert, geliebt zu werden, und unfähig zu lieben. Aber wenn einer glaubt, Reichtum, Erfolg oder Ruhm könnten aus einem „Niemand“ einen „Jemand“ machen, gibt er sich einer Täuschung hin. Der Erfolgreiche mag wie ein „Jemand“ wirken, weil ihn die äußeren Anzeichen der Wichtigkeit umgeben: kostbare Kleidung, Autos, ein repräsentatives Zuhause und die Aura der Berühmtheit. Er mag den Anschein erwecken, „jemand zu sein“, aber der Anschein ist etwas Oberflächliches, das oft nur wenig Bezug zum inneren Leben hat. 
Tatsächlich weist der Umstand, dass jemand den Anschein erwecken muss, „jemand zu sein“, darauf hin, dass er im Inneren das Gefühl hat, „niemand“ zu sein. 
Dieses Gefühl ist die Folge der Trennung des Ichs vom Körper. Wer sich mit seinem Ich identifiziert und die Bedeutung des Körpers leugnet, hat keinen Körper (no body). Der Verlust des Körpergefühls, der dem Gefühl gleichkommt, ein „Niemand“ (no body) zu sein, zwingt einen, an die Stelle der Wirklichkeit des Körpers ein Vorstellungsbild zu setzen, das auf einer gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Stellung beruht.
Wenn wir den wirklichen Menschen hinter der Fassade sozialen Verhaltens erkennen wollen, müssen wir seinen Körper anschauen, seine Gefühle spüren und seine Beziehungen verstehen. An seinen Augen können wir ablesen, ob er lieben kann, sein Gesicht zeigt uns, ob er sich selbst ausdrückt, und seine Bewegungen lassen den Grad seiner inneren Freiheit erkennen. Wenn wir mit einem lebendigen, pulsierenden Körper in Kontakt kommen, spüren wir sofort, dass wir in Gegenwart eines „Jemand“ sind, gleichgültig, in welcher gesellschaftlichen Stellung er sich befindet. Und was man auch lehren mag: Das Leben wird in Wirklichkeit auf dieser persönlichen Ebene gelebt, wo ein Körper sich zu einem anderen in Beziehung setzt oder wo ein Körper zur natürlichen Umgebung in Beziehung tritt. Alles Übrige ist Kulisse, und wenn wir die Kulisse mit dem Drama des Lebens verwechseln, fallen wir wirklich einer Täuschung anheim [. . .]
In der Atmung liegt das Geheimnis des Lebens, denn durch den Nahrungsstoffwechsel liefert sie die Energie, die die Lebensflamme speist. Aber sie tut noch mehr. Wie Dürckheim sagt: „Wir haben im Atem immerzu unbewusst teil am größeren Leben.“ Der Grund für diese Aussage liegt darin, dass die Atmung ein Vorgang der Ausdehnung und Zusammenziehung des gesamten Körpers ist, der zugleich bewusst und unbewusst abläuft. Die gesunde Atmung ist weitgehend unbewusst, aber durch die Körperempfindungen, die aus voller und tiefer Atmung entstehen, werden wir uns der pulsierenden Lebendigkeit unseres Körpers bewusst und spüren, dass wir eins sind mit allen pulsierenden Geschöpfen in einem pulsierenden Universum.
Damit jemand diesen Zustand des Einsseins und der Selbstanschauung erreicht, muss seine Atmung eine tiefe Bauchatmung sein. Die Einatmungswelle geht vom Bauchinnern an einer Stelle aus, die die Japaner das vitale Zentrum des Menschen nennen. Während sie sich aufwärts bis zur Kehle und zum Mund bewegt, ruft sie eine Einatmung hervor. Die Ausatmungswelle geht in die Gegenrichtung und führt zu einer Ausatmung. Man kann beobachten, wie diese Wellen entweder als volle und freie oder als eingeschränkte und krampfhafte Bewegungen durch den Körper gehen. Jedes Gebiet der Gespanntheit blockiert die Welle und entstellt die Wahrnehmung des Pulsierens. Man kann Blockierungen dieser Art feststellen, die sich vom Kopf bis zu den Füßen erstrecken [. . .]
Starke Menschen haben einen Glauben, und Leute, die einen Glauben haben, sind stark. Man kann beides nicht voneinander trennen, denn eins spiegelt das andere. Der Glaube eines Menschen ist ein Ausdruck seiner ihm als Lebewesen innewohnenden Vitalität, genau wie seine Vitalität ein Maßstab für sein Vertrauen zum Leben ist. Beide sind von der Wirksamkeit biologischer Vorgänge im Organismus abhängig. Antoine de Saint-Exupéry hat in seinem wunderbaren Buch Wind, Sand und Sterne eine ähnliche Krisensituation beschrieben. Während eines Nachtfluges, auf dem der Wind ihn von vom Kurs abgetrieben hatte, war er in der Wüste abgestürzt. Er und sein Bordmechaniker wussten nicht, wo sie waren, und beim Absturz waren ihnen Nahrungsmittel und Wasser fast ganz abhanden gekommen. Sie hatten zu zweit nur einen halben Liter Wein, einen halben Liter Kaffee, einige Weintrauben und zwei Orangen. Drei Tage lang erkundeten sie die Wüste um das Flugzeug herum, während sie auf ihre Rettung warteten. Am vierten Tag verließen sie, vom Durst geplagt, das Flugzeug und machten sich auf den Marsch, wobei sie wussten, dass sie in der Wüste höchstens neunzehn Stunden ohne Wasser durchhalten konnten.
Sie machten sich ohne Hoffnung auf den Weg, und sie hatten tatsächlich keinen Grund, auf Rettung zu hoffen. Aber während der nächsten zwei Tage legten sie, obwohl sie von der Sonne verbrannt wurden, zu Fuß etwa 200 km zurück. Was sie aufrechterhielt, sagt Saint-Exupéry, war die Vorstellung, dass ihre Lieben zu Hause mehr litten als sie. Die meiste Zeit waren sie zu benommen, um irgend etwas zu fühlen, aber eine Kraft aus einer Quelle in unauslotbarer Tiefe veranlasste sie, so lange weiterzugehen, wie sie Atem holen und einen Schritt tun konnten. Ich würde diese Quelle als den Glauben an das Leben bezeichnen. Solange dieser Glaube besteht, gibt man nicht auf. Als ich Saint-Exupérys Geschichte las, spürte ich, dass ein solcher Glaube diesen Mann kennzeichnete. Er zieht sich durch alles, was er geschrieben hat [. . .]
Wenn man einen Glauben hat, kann man Vertrauen in die Zukunft setzen, selbst wenn sie im Augenblick nicht zu verheißen scheint, dass die Bestrebungen, Hoffnungen oder Träume, die man hegt, je Wirklichkeit werden. Aber nicht die Bindung an eine persönliche Zukunft ist wesentlich für den Glauben. Die Geschichte ist überreich an Beispielen von Leuten, die ihre individuelle Zukunft um ihres Glaubens willen geopfert haben. Viele sind lieber gestorben, als ihren Glauben aufzugeben. Das kann nur heißen, dass für sie ein Leben ohne Glauben sich nicht lohnte. [. . .]
Wenn wir einen Glauben haben, ist uns das Leben allgemein kostbar. Wegen dieser Ehrfurcht vor dem Leben geben wir uns die größte Mühe, ein einzelnes Leben zu retten, womit auch das Leben eines Tieres gemeint sein kann. Wenn wir das Gefühl dafür verlieren, dass jedes Leben kostbar ist, geben wir unsere Menschlichkeit auf, was unweigerlich zur Folge hat, dass unser eigenes Leben leer und sinnlos wird [. . .]
Nun kann man zwar Glaubensunterschiede als Rechtfertigung und Rationalisierung für Kriege und Eroberungen gebrauchen, aber ich glaube nicht, dass sie der wahre Beweggrund sind. Dieser ist im Kampf um die Macht zu suchen. [. . .]
Menschen, die der Macht vertrauen, scheinen nie genug zu haben, um sich vollständige Sicherheit zu verschaffen. Das liegt daran, dass es vollständige Sicherheit nicht gibt.  Und unsere Macht über die Natur oder über unseren eigenen Körper ist eng begrenzt. Hitler wollte die Welt durch seine Macht beherrschen und ein Drittes Reich schaffen, das tausend Jahre dauern sollte. Sein Traum fiel in zwölf Jahren in Schutt und Asche. Der Glaube, Macht garantiere Sicherheit, ist eine Illusion, die den wahren Glauben an das Leben untergräbt und unweigerlich zur Zerstörung führt . . .  Sie scheint zwar ein gewisses Maß an äußerer Sicherheit zu bieten, aber sie schafft auch einen Zustand der Unsicherheit, sowohl im Inneren des Individuums als auch in seinen Beziehungen zu anderen [. . .]
Egoismus und Glaube sind einander diametral entgegengesetzt. Einem Egoisten geht es nur um seine Vorstellung; einem Mann des Glaubens geht es ums Leben [. . .]
Man kann nur wenige Menschen als totale Egoisten bezeichnen, aber in unserer Gesellschaft sind mehr Menschen auf der Seite des Ichs zu finden als auf der Seite des Glaubens. Unsere Kultur, unsere Erziehung und unsere gesellschaftlichen Einrichtungen begünstigen die Ich-Position. Der größte Teil der Werbung arbeitet mit Appellen an das Ich. Die Schulbildung fördert die Ich-Position durch ihre starke (und nach meiner Ansicht übertriebene) Betonung des abstrakten Denkens. Das abstrakte Denken trennt meistens das Individuum von seiner Umwelt, sowohl der menschlichen als auch der naturgegebenen. Es hat natürlich dem Menschen die unermessliche Macht gegeben, die er besitzt, aber das ist auf Kosten seines Glaubens geschehen [. . .]
Wir glauben anscheinend fest an die Macht der Schulerziehung. Aber sie ist nicht darauf ausgerichtet, das Herz des Menschen zu erreichen. Sie will den Geist unterrichten; sie kann daher Ansichten verändern, ohne den Glauben im geringsten zu beeinflussen  [. . .]
Ich bin sicher, wir alle haben schon gesehen und sind beeindruckt gewesen davon, wie weit der Jungvogel Schnabel und Körper aufmacht, um das von der Mutter Angebotene zu empfangen.
Ein Säugling öffnet sich und sucht in der gleichen Weise nach der Brust, um sie zu empfangen. Es ist nicht nur der Mund, der sich öffnet, sondern die Kehle und der Körper, nicht nur die Lippen und Hände greifen aus, sondern das ganze Sein des Kindes. Das Sich-Öffnen und das Ausgreifen beginnt als eine Welle der Erregung im Mittelpunkt des Körpers, die aufwärts durch die Brust und hinaus durch die Arme, die Kehle, den Mund und die Augen strömt. Das begleitende Gefühl kann man beschreiben als ein Ausgreifen vom Herzen aus oder ein Sich-Öffnen, das bis ins Herz hineinreicht und das Herz einbezieht. Der Säugling öffnet sich und greift mit Liebe aus und kann die Liebe in sich hineinnehmen, die ihm angeboten wird.
Das Öffnen der Persönlichkeit bedeutet ein Öffnen des Herzens eines Menschen, so dass er fähig ist, Liebe auszudrücken und zu empfangen. Dies ist keine Metapher, sondern eine physische Reaktion. Ein Herz ist offen, wenn das Gefühl oder die Erregung im Herzen frei in die Arme oder durch die Kehle und in den Mund und die Lippen oder aufwärts und in die Augen strömen kann. Genau wie Impulse auf diesen Wegen nach außen strömen, so strömen Eindrücke auf ihnen nach innen. Ein offener Mensch spürt die Zuneigung, die andere für ihn empfinden, in seinem Herzen. Das Gefühl strömt vom Herzen aufwärts und abwärts im Körper [. . .]
Wenn wir von jemand sagen, er habe ein verschlossenes Herz, meinen wir, man könne an sein Herz nicht herankommen. Sollte das Herz sich jemals verschließen, würde der Mensch sterben. Man kann jedoch die Wege zum Herzen von oben wie von unten her verengen und beschränken. Und man kann durch Muskelverspannungen, die die Brust starr und unbeweglich machen, den Brustkorb in ein Gefängnis verwandeln. Die starre, geblähte Brust sagt in der Körpersprache: „Ich will dich nicht nah an mein Herz heranlassen.“ [. . .]
Wer nicht in Kontakt mit seinem Körper ist, weiß nicht, dass er verschlossen ist. Er spricht von Liebe, er macht sogar einige Liebesgesten, aber da er nicht mit dem Herzen bei seinen Worten oder Taten ist, können sie nicht überzeugen. Er weiß, wie wichtig Liebe ist, daher versucht er, auf indirektem Weg die Liebe zu bekommen, die er braucht. Er wird versuchen, anderen zu helfen, ohne zu erkennen, dass er seine eigenen Bedürfnisse auf sie projiziert. Da er auch sich selber verschlossen ist, verlegt er sein Problem in die Außenwelt, außerhalb seiner selbst [. . .] Da er verschlossen ist, berührt es ihn nicht, wie andere auf ihn reagieren; dadurch wird er nie das Gefühl los, die anderen täten nie genug [. . .]
Wenn jemand mit seinem Körper in Fühlung kommt, eröffnet sich ihm eine neue Art, sich selber zu verstehen, die sich allmählich in Selbstannahme verwandelt. Diese Verwandlung findet statt, während das „In-Fühlung-Kommen“ dem „In-Fühlung-Sein“ weicht [. . .]
In Fühlung sein bedeutet, dass man seines Körpers gewahr ist, seines Ausdrucks, seiner Offenheit und seiner Verspannungsmuster. Wenn man mit dem körperlichen Selbst in Fühlung ist, funktioniert man nicht nur auf Grund einer Vorstellung im Geist, die mit diesem Selbst vielleicht gar nicht übereinstimmt. In Fühlung sein bedeutet auch, dass man in gewissem Maß begreift, welche Erfahrungen und Erlebnisse, besonders auf der körperlichen Ebene, die eigene Persönlichkeit geformt haben. Ich kann den Umstand nicht überbetonen, dass der Körper der Prüfstein für die eigene Realität ist. Wer glaubt, er kenne sich selbst, aber nicht in Fühlung mit Qualität und Sinn seiner physischen Reaktionen ist, täuscht sich."

Samstag, 28. Juni 2008

Spracherwerb und die Füllung von Spiegelneuronen bestimmen, was für uns Liebe ist


Kürzlich habe ich im Sindelfinger Badezentrum ein liebenswertes Bild gesehen: Eine Mutter hielt ihr noch kein Jahr altes Kind in den Händen und zog es durchs Wasser; sie bahnte mit dem Rücken den Wasserweg und zog das Kind rückwärts laufend hinter sich her. Aber das war noch nicht das Besondere. Das Besondere war, dass die Mutter ununterbrochen kommunizierte, und zwar allein mit ihrer Mimik. Das Kind mag wohl das warme Wasser gespürt haben, aber es hing mit übergroßer Hingabe und Aufmerksamkeit an dem Gesicht der Mutter, es war faszinierend. Ich glaube, es entging ihm nichts. Das Gesicht der Mutter war voller Liebe für ihr Kind, sie sandte ihm Küsse zu, sie morste mit den Augen Liebe, alles an ihrem Gesicht waren Funken der Liebe, was sie auch immer tat, welche Miene sie auch zeigte … nicht eine der vielen tausend mimischen Ausdrücke war gleich … ein mimischer Funkenflug der Liebe … für ihr Kind.
Und sie schien keine Konditionsprobleme zu haben. Mir kam es ewig vor, dass die beiden durchs Wasser turtelten. Am liebsten hätte ich der Mutter gesagt, wie wichtig und wunderschön es ist, was sie macht. Aber ich hätte ihr Liebespiel unterbrechen müssen, und das wollte ich natürlich nicht. Und dass es ein Liebesspiel war und wie wichtig es für künftige Liebesspiele des Kindes ist, wird deutlich auf dem Hintergrund des Zitates aus Joachim Bauers wegweisendem Buch über Spiegelneuronen:

Dass wir mit einer angeborenen, genetisch angelegten Grund­ausstattung von Spiegelnervenzellen ins Lebens starten, zeigt sich an einem Phänomen, das ohne sie nicht möglich wäre: Bei richtig gewähltem Abstand beginnen Säuglinge wenige Stunden bis Tage nach der Geburt, bestimmte Gesichtsaus­drücke, die sie sehen, spontan zu imitieren. Öffnet das ihnen entgegenblickende Gesicht den Mund, tun sie dasselbe. Auf ein Gesicht mit gespitztem Mund reagiert das Neugeborene, indem es selbst die Lippen kräuselt, und es streckt seine Zunge heraus, wenn man ihm dies vormacht. Mit seiner erstaun­lichen Fähigkeit zur Imitation hat der Säugling bereits von den ersten Lebenstagen an die Möglichkeit, sich auf ein wech­selseitiges Spiel einzulassen, welches dazu führt, dass sich erste zwischenmenschliche Bindungen entwickeln können. Die neurobiologisch angelegte Bereitschaft zu spontanen Imitationsakten ist das Grundgerüst, um das herum sich die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson entwickelt. Zwischen dem Neugeborenen und der Hauptbezugsper­son beginnt nun etwas, dessen Zauber nur noch mit der Situation von Frischverliebten zu vergleichen ist. Und tat­sächlich passiert aus neurobiologischer Sicht in beiden Fäl­len etwas sehr Ähnliches: ein wechselseitiges Aufnehmen und spiegelndes Zurückgeben von Signalen, ein Abtasten und Erfühlen dessen, was den anderen gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, bewegt, begleitet vom Versuch, selbst Signale auszusenden und zu schauen, inwieweit sie vom Gegenüber zurückgespiegelt, das heißt erwidert werden. Dieses Spiel steht nicht nur am Anfang einer Liebesbezie­hung, es bildet, in weniger intensiver Form, den Startpunkt jeder zwischenmenschlichen Beziehung.

Viele Kinder erleben nie, was dieses Kind erleben durfte, das ich damals beobachten konnte. Viele liegen auf einer kalten Ablage und werden lieblos gewickelt und die Mutter spricht kaum mit ihnen … Doch immer füllen sich Zellen mit einer entsprechenden Füllung, denn von jeder Bewegung werden Kopien angefertigt im Gehirn des Kindes und diese Kopien werden aktiv, wenn sie Entsprechendes selbst tun oder wiedererkennen; deshalb werden manche Kinder später stärker auf Liebe reagieren, manche auf Gleichgültigkeit und Kälte; und Kinder werden immer das als normal empfinden, was sie kennengelernt haben.
Vor allem aber kennen viele gar nicht, was Liebe ist.
Wie aber wollen sie von ganzem Herzen an einen späteren Partner weitergeben, was sie nicht kennen?
Wie viele im Grunde gleichgültigen Liebesspiele werden auf der Erde täglich gespielt?
Viele Liebesspiele sind Bewegungsspiele mit einem bestimmten Grad von seelisch-körperlicher Gefühlsaufwallung …
Alle Menschen nennen love, amore, láska, svegi, Liebe, was bei dem Einzelnen auf der ganzen Welt nicht unterschiedlicher sein kann.
Unsere Eltern geben uns für etwas Bestimmtes den Begriff "Liebe" vor, was ebenfalls unterschiedlicher nicht sein könnte.
Manche Bezeichnung für Liebe ist wie eine Geheimnispizza, in der ein Backstein liegt. So ist Liebe für manche wahrhaft unverdaulich … nur wissen sie es nicht.
Meine Eltern sprachen viel über Liebe, aber sie sprachen immer über die Liebe Gottes.
Sie wussten nicht, was Liebe ist, aber sie haben es bestens getarnt.
Wer so viel über Liebe, über die Liebe Gottes spricht, der muss doch wissen, was Liebe ist.
Pustekuchen!
Ich glaube, dass viele nicht nur ins Kloster, sondern ins Religiöse oder in Esoterik flüchten, um sich nicht mit ihrer eigenen Lieblosigkeit auseinandersetzen zu müssen. Doch sie flüchten vor einer Last, die sie nicht tragen müssen. Wer aber mag sich schon eingestehen: Ich weiß nicht, was Liebe ist.
Wer ohne Liebe aufwächst, trägt eine schwere Hypothek. Aber kaum jemand wird ein höheres Bewusstsein von Liebe haben können als jener, der - den Mangel erkennend - unter der Erkenntnis eigener Lieblosigkeit leidet … wenn er sodann sein Herz der Liebe öffnet.
Mein Credo: Immer können sich Zellen mit Liebe füllen; immer kann sich ein Herz für Liebe öffnen.
Jeder Atemzug kann ein Spiel der Liebe sein.

Freitag, 16. Mai 2008

In Kontakt mit Gefühlen: Die Bedeutung von Vater und Mutter


Dieser Post ist die erweiterte Form des in
Johannes Ethikpost veröffentlichten Post; die Zitate aus dem Buch J. Bauers sind hier nach den einleitenden Gedanken vorab nicht gekürzt.

Die Basis für den Gefühlsreichtum und die Vielfalt der Gefühle wird im Menschen sehr früh angelegt und entscheidet darüber, was ihm später als emotionale Intelligenz und als emotionales Lebensbudget zur Verfügung steht. Ob dieses Budget nachrüstbar ist, dazu möchte ich später Stellung nehmen.
Auf was im Folgenden Joachim Bauer hinweist, gilt nicht nur für frühkindliche Spiegelaktionen, sondern auch für das, was wir die Prägung von Gefühlen nennen können und erklärt, warum Menschen so Unterschiedliches unter Liebe, unter Zorn, unter Mitleid, unter Wärme, unter Sanftmut, unter Freude und vielem anderen verstehen;
es erklärt aber auch, warum wir letzten Endes manche Menschen nicht verstehen: Sie sprechen nicht unsere emotionale Sprache.
Hier ein weiteres Zitat aus J. Bauers Buch, das ich allen zum Verständnis von sich selbst und für ein Bewusstsein, was in der Erziehung von Kindern wichtig ist, ans Herz legen möchte – eines der wichtigsten und besten Bücher, das ich gelesen habe; es zeigt, dass auch ein Naturwissenschaftler lebendig und leicht verstehbar schreiben kann:

Joachim Bauer: Warum ich fühle, was Du fühlst [Auszug aus Kapitel 3]
Wie sich das Kind in die Welt spiegelt und das Problem des Autismus
Spiegelzellen zu haben, die tatsächlich spiegeln, ge­hört zu den wichtigsten Utensilien im Gepäck für die Reise durch das Leben. Ohne Spiegelneurone kein Kontakt, keine Spontaneität und kein emotionales Verstehen. Die gene­tische Grundausstattung stellt dem Säugling ein Startset von Spiegelneuronen zur Verfügung, die ihm die Fähigkeit verleihen, bereits wenige Tage nach der Geburt mit sei­nen wichtigsten Bezugspersonen erste Spiegelungsaktio­nen vorzunehmen. Es ist jedoch von entscheidender Bedeu­tung, ob ihm die Chance gegeben wird, solche Aktionen zu realisieren, denn eine Grundregel unseres Gehirns lautet: »Use it or lose it.« Nervenzellsysteme, die nicht benutzt werden, gehen verloren. Spiegelaktionen entwickeln sich nicht von allein, sie brauchen immer einen Partner.
»Use it or lose it«: Die Spiegelneurone des Säuglings müssen eingespielt werden
Dass wir mit einer angeborenen, genetisch angelegten Grund­ausstattung von Spiegelnervenzellen ins Lebens starten, zeigt sich an einem Phänomen, das ohne sie nicht möglich wäre: Bei richtig gewähltem Abstand beginnen Säuglinge wenige Stunden bis Tage nach der Geburt, bestimmte Gesichtsaus­drücke, die sie sehen, spontan zu imitieren. Öffnet das ihnen entgegenblickende Gesicht den Mund, tun sie dasselbe. Auf ein Gesicht mit gespitztem Mund reagiert das Neugeborene, indem es selbst die Lippen kräuselt, und es streckt seine Zunge heraus, wenn man ihm dies vormacht. Mit seiner erstaun­lichen Fähigkeit zur Imitation hat der Säugling bereits von den ersten Lebenstagen an die Möglichkeit, sich auf ein wech­selseitiges Spiel einzulassen, welches dazu fuhrt, dass sich erste zwischenmenschliche Bindungen entwickeln können. Die neurobiologisch angelegte Bereitschaft zu spontanen Imitationsakten ist das Grundgerüst, um das herum sich die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson entwickelt. Zwischen dem Neugeborenen und der Hauptbezugsper­son - da die Mutter manchmal selbst nicht zur Verfügung stehen kann und stattdessen der Vater oder andere die Hauptrolle bei der Versor­gung spielen, verwende ich hier den Begriff »Hauptbezugsperson«. Ihre optimale »Besetzung« ist zweifellos die Mutter - beginnt nun etwas, dessen Zauber nur noch mit der Situation von Frischverliebten zu vergleichen ist. Und tat­sächlich passiert aus neurobiologischer Sicht in beiden Fäl­len etwas sehr Ähnliches: ein wechselseitiges Aufnehmen und spiegelndes Zurückgeben von Signalen, ein Abtasten und Erfühlen dessen, was den anderen gerade, im wahrsten Sinne des Wortes, bewegt, begleitet vom Versuch, selbst Signale auszusenden und zu schauen, inwieweit sie vom Gegenüber zurückgespiegelt, das heißt erwidert werden. Dieses Spiel steht nicht nur am Anfang einer Liebesbezie­hung, es bildet, in weniger intensiver Form, den Startpunkt jeder zwischenmenschlichen Beziehung.
Damit das ganze wunderbare Spiegelspiel überhaupt be­ginnen kann, benötigt der Säugling Bezugspersonen, aller­dings nicht irgendein Gegenüber, nicht irgendeine Trai­ningswand, sondern echte »Mitspieler«, die selbst spiegeln können. Die meisten Kinder haben geeignete Mitspieler: Bezugspersonen mit einer normal entwickelten Fähigkeit, mit Liebe, Sensibilität und Wärme auf den Säugling ein­zugehen. Die besten Mitspieler sind die Eltern, da sie auf Grund des Geburtserlebnisses von Natur aus mit einer Substanz gedopt sind, die ihre Bindungsfähigkeit erhöht: Oxytocin. Wo Eltern nicht zur Verfügung stehen, können liebevolle Bezugspersonen guten Ersatz bieten. Allerdings müssen sie eine längere Zeit bzw. dauerhaft zur Verfügung stehen, damit sich zwischen ihnen und dem Kind eine Bin­dung aufbauen kann.
Die genetische Grundausstattung ist alles andere als eine Garantie dafür, dass die biologischen Systeme des Men­schen später tatsächlich so funktionieren, wie dies im Prin­zip möglich ist. Die angeborenen Spiegelsysteme des Säug­lings können sich nur dann entfalten und weiterentwickeln, wenn es zu einem geeigneten und für ihn passenden Be­ziehungsangebot kommt. Zu den beliebten Irrtümern unserer Zeit gehört die verbreitete Meinung, der wesent­liche Schlüssel zum Gelingen unserer Entwicklung sei aus­schließlich in den Genen zu suchen. Tatsächlich haben Be­ziehungserfahrungen und Lebensstile, die immer auch mit einer Aktivierung bestimmter neurobiologischer Systeme einhergehen, einen gewaltigen Einfluss sowohl auf die Regulation der Genaktivität als auch auf Mikrostrukturen un­seres Gehirns. Nirgendwo zeigt sich so deutlich wie bei den Spiegelsystemen, welche Bedeutung zwischenmensch­liche Beziehungen für die Biologie unseres Körpers haben.
Dass die genetische Ausstattung allein noch keine Ga­rantie für die Entfaltung einer Fähigkeit ist, zeigt sich im Fall der Spiegelneurone etwa am Beispiel von Blinden. Von Geburt an blinde Menschen können mangels visuel­len Inputs das frühe mimische Spiegelspiel nicht einüben, obwohl, wie ihre sonstigen Reaktionen erkennen lassen, ihre Spiegelsysteme im Prinzip funktionieren. Auf Grund der fehlenden Einübung bleibt bei den von diesem Schick­sal betroffenen Menschen die Entwicklung einer spiegeln­den Gesichtsmimik aus. Eigenschaften und Fähigkeiten können sich nur dann entwickeln, wenn die seitens der Gene bereitgestellten biologischen Anlagen durch zwi­schenmenschliche Beziehungen und soziale Interaktionen angesprochen und in geeigneter Weise aktiviert werden.
Die Imitationskünste des Säuglings sind nicht darauf be­schränkt, von den ersten Lebenstagen an Gesichtszüge zu spiegeln. Wenig später ist zu beobachten, wie er erste Anstalten macht, auch stimmliche Äußerungen durch eigene Lautbildungen nachzuahmen. Ebenso zeigt er bald - wenn auch völlig ungerichtete - motorische Resonanzreak­tionen, wenn man ihm ausdrucksstarke körperliche Bewe­gungen vormacht. Wie schon erwähnt, bedienen sich Be­zugspersonen unwillkürlich der Bereitschaft des Säuglings zur Imitation: Wenn sie das Kleinkind, mit dem sie Blick­kontakt haben, füttern, öffnen sie meistens selbst den Mund, weil sie intuitiv daraufsetzen, dass es dann ebenfalls seinen Mund öffnet.
Das Gegenstück zu den Imitationsübungen des Säug­lings besteht darin, dass die Mutter und Bezugspersonen ihrerseits eine intuitive Tendenz haben, den Säugling zu imitieren und ihm damit die Signale zurückzuspiegeln, die er selbst aussendet. Dabei reflektieren sie sein Verhalten nicht eins zu eins, sondern in einer erweiterten, um zusätz­liche Elemente angereicherten Form, ein Vorgang, der als Markierung bezeichnet wird. Dadurch erhält der Säugling, lange bevor er über so etwas wie Bewusstsein verfügt, Zei­chen, die ihm anzeigen, dass er erkannt wurde, und ihn seinerseits zu weiteren Resonanzaktionen stimulieren. Aus­gehend von seinen anfangs noch sehr beschränkten Imitati­onsmöglichkeiten entsteht so ein zunehmendes Spektrum von Kommunikation. Dass Säuglinge bereits zum Zeit­punkt der Geburt über erstaunliche Kompetenzen verfü­gen, ist seit einigen Jahren bekannt und findet sich in lesens­werten Publikationen, unter anderem von Daniel Stern und Martin Dornes, dargestellt, doch erst die Entdeckung der Spiegelneurone lässt diese Fähigkeiten in vollem Um­fang verständlich werden.
Die Basis emotionaler Intelligenz: Das Gefühl von intuitivem Verstanden- Sein
Auf der Basis dessen, was Spiegelneurone bereitstellen, hat der Säugling die Chance, mit seiner Umgebung emo­tional in Kontakt zu treten, Signale auszutauschen und ein erstes Urgefühl des Sich-Verstehens zu entwickeln. Frühe Spiegelungen sind nicht nur möglich, sie entsprechen beim Neugeborenen einem emotionalen und neurobiologi­schen Grundbedürfnis. Dies zeigt sich nicht nur an den ver­zückt-glücklichen Reaktionen - und übrigens auch an mar­kanten Signalen in der Hirnstromkurve (EEG) -, die sich beim Säugling durch zärtliche Imitationen hervorrufen lassen. Geglückte Spiegelungen und das auf dieser Basis entstehende Gefühl der Bindung fuhren auch zu einem Ausstoß körpereigener Opioide. Dies erklärt nicht nur, wa­rum zwischenmenschliche Zuwendung - wie sich auch in Studien zeigte - Schmerzen erträglicher macht, sondern auch, warum wir neurobiologisch auf Bindung geeicht sind.
Frühe Spiegelungen führen also nicht nur zu seelischem, sondern auch zu körperlichem Glück. Umgekehrt ruft eine absichtlich verweigerte Spiegelung massive Unlustre­aktionen hervor. Dies macht ein Experiment deutlich, das in der Fachliteratur als »still face procedure« bezeichnet wird. Die Bezugsperson bringt ihr Gesicht in den richtigen Abstand zum Gesicht des Kindes. Wenn der Erwachsene nun, entgegen seiner eigenen emotionalen Intuition, seine Miene absichtlich völlig regungslos beibehält, dann wen­det sich das Kind impulsiv ab. Wird die Prozedur mehrere Male wiederholt, hat dies einen emotionalen Rückzug zur Folge: Die Bereitschaft des Säuglings nimmt ab, nach wei­teren Möglichkeiten für mimischen Signalaustausch zu su­chen.
Aus Beobachtungen dieser Art darf und muss die Schluss­folgerung gezogen werden, dass Versuche, Neugeborene bzw. Kleinkinder emotionslos, nach rein »rationalen« oder »vernünftigen« Kriterien zu versorgen, verheerende Folgen haben. Sie ruinieren die Fähigkeit des Kindes, mit anderen Menschen in emotionalen Kontakt zu kommen und sich mit ihnen intuitiv verbunden zu fühlen. Das frühe Spiel mit spiegelnden Imitationen schafft die Grundlage dessen, was Daniel Goleman als emotionale Intelligenz beschrieben hat.
Obwohl sich das Neugeborene in den ersten Wochen noch nicht als eigene Person erlebt, erzeugt der frühe spie­gelnde Austausch von Zeichen in ihm ein erstes intuitives Grundgefühl sozialer Verbundenheit. Da es zu diesem Zeit­punkt zwischen sich und anderen noch nicht unterscheiden kann, haben Säuglingsforscher diesen frühen kommunika­tiven Austausch als »intersubjectivity without subjects« be­zeichnet, das heißt als zwischenmenschliches Beziehungs­geschehen, ohne dass - in Bezug auf das Kind - bereits von einem handelnden Subjekt gesprochen werden könnte. Un­geachtet dessen entwickelt sich das Grundgefühl, in einer intuitiven Verbindung mit anderen gleichartigen Wesen zu stehen, mit ihnen in einer gemeinsamen emotionalen Welt zu leben. Dieses durch wechselseitige Spiegelungsvorgänge entstehende Gefühl, von Vittorio Gallese als »S-Identity« (für: soziale Identität) bezeichnet, entspricht einem mensch­lichen Urbedürfnis: Säuglingsforscher fanden heraus, dass Kleinkinder bereits mit zwei Monaten aktiv um eine ge­fühlsmäßige Abstimmung bzw. Übereinstimmung mit der Mutter bemüht sind. Wie aus trickreichen Experimenten hervorgeht, entwickelt das Kind im dritten Lebensmonat ein Gefühl dafür, dass es mit eigenen Lebensäußerungen bei seinen Bezugspersonen Verhaltensänderungen auslösen kann. Um diesen Zeitpunkt herum beginnt der Säugling auch, seine eigene Aufmerksamkeit nach der Blickrichtung und damit nach der Aufmerksamkeit der Erwachsenen auszurichten. Dieses erste Zeichen einer »joint attention«, eines spiegelnden Einschwingens auf ein gemeinsames Auf­merksamkeitsziel, ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr das Kleinkind darauf ausgerichtet ist, sich mit seinen Be­zugspersonen intuitiv abzustimmen. Erste Ansätze von emotionaler Intelligenz werden jetzt erkennbar.
Die Bedeutung des kindlichen Spiels für die Entwicklung der Spiegelsysteme
Mit etwa sechs Monaten beginnen Kleinkinder den Ablauf und das Ziel von Bewegungssequenzen zu speichern. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass das Kind in diesem Alter erstmals das Erscheinen eines Balls, der hinter die eine Seite einer Sichtblende gerollt wurde, an der anderen Seite er­wartet. Dies ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass es einige Zeit später auch Handlungssequenzen einschließlich ihres Endzustands speichern kann. Um den neunten Monat herum ist das Kind fähig, Objekte oder Bezugspersonen in dem Wissen zu repräsentieren, dass sie auch dann weiter existieren, wenn sie nicht zu sehen sind. Diese so genannte Objektkonstanz zeigt sich nicht nur in der Beziehung des Kindes zur Bezugsperson, sondern auch daran, dass es dazu übergeht, zum Beispiel einen Ball, der in ein Tuch gewickelt wurde, wieder auszupacken, weil es - anders als zuvor -jetzt weiß, dass der Ball, obwohl nicht sichtbar, weiterhin vorhanden ist. Auf diesem bedeutsamen Entwicklungs­schritt, nämlich eine innere Vorstellung vom Fortbestehen nicht sichtbarer Objekte zu haben, baut die Fähigkeit auf, auch Vorstellungen von nicht sichtbaren Abschnitten einer Handlungssequenz zu entwickeln. Mit etwa zwölf bis vier­zehn Monaten ist das Kind in der Lage, die Ziele und Ab­sichten von Handlungen, die es beobachtet, vorauszusehen und insoweit zu verstehen. Schrittweise erweitern sich da­mit auch die Möglichkeiten des Spiegelsystems.
Das Kind entwirft sein Bild der Welt als eine Ansamm­lung von Handlungsmöglichkeiten. Interaktionen, Han­deln und Fühlen sind jedoch nicht nur der Stoff, aus dem die äußere Welt konstruiert wird, sondern auch die Basis für Vorstellungen vom eigenen Selbst. Die Erkenntnis, dass es eine Unterscheidung zwischen Selbst und anderen gibt, bil­det sich zwischen dem zwölften und achtzehnten Lebens­monat. Um diese Zeit herum kommt zum bereits vorhan­denen intuitiven Gefühl der sozialen Identität (»S-Identity«: Ich gehöre zur Welt der anderen) nun die Wahrnehmung einer eigenen Identität als Individuum hinzu (»I-Identity«: Ich bin anders als die anderen). Nicht nur, um ein Bild der Welt zu entwerfen, sondern auch, um sich selbst zu definie­ren, muss sich das kindliche Gehirn also auf abgespeicherte Programme beziehen können, die erlebte Aktions- und In­teraktionssequenzen beschreiben.
Zu erlebtem Handeln und Fühlen kommt es jedoch nicht von allein. Wie schon beim frühen Austausch von spiegeln­den Imitationen kurz nach der Geburt ist das Kind auch später darauf angewiesen, feste Bezugspersonen zu haben, mit denen es konsistente Beziehungserfahrungen machen kann. Allerdings kommt zum wechselseitigen Kontakt jetzt, kurz vor Beendigung des zweiten Lebensjahres, noch et­was Weiteres hinzu. Das Kind braucht nun zusätzlich ein Übungsfeld, in dem es Handeln und Fühlen in unterschied­lichen Rollen, also aus verschiedenen Perspektiven, erproben kann. Dieses Übungsfeld für die spätere reale Welt ist das kindliche Spiel. Seine überragende Bedeutung ergibt sich daraus, dass das Kind hier, und nur hier, eine nahezu unendliche Anzahl von Handlungs- und Interaktionssequen­zen kennen lernen und trainieren kann.
Die Fähigkeit zu spielen ist an neurobiologische Voraus­setzungen gebunden: Im Alter von etwa achtzehn Monaten ist das Kind so weit, dass es Handlungen gezielt beobachten und durch bewusste, selbst gesteuerte Imitation einüben kann. Die Spiegelsysteme sind entwickelt und stehen be­reit, um sich von Modellen alles abzuschauen. Doch dies allein reicht nicht aus. Das Kleinkind kann sich die Welt des Spiels nicht selbst erschließen. Es muss zunächst eine ge­wisse Zeit lang von Bezugspersonen in sie eingeführt wer­den. Bezugspersonen, die das Kind zum Spielen anleiten, sind aus neurobiologischer Sicht durch nichts zu ersetzen, weil die Spiegelsysteme - wie Versuche zeigen - Hand­lungssequenzen nur dann einspiegeln können, wenn sie von lebenden Vorbildern, von biologischen Akteuren kom­men. Kleinkinder brauchen also präsente, lebendige Be­treuer. Menschen oder Figuren, die nur auf dem Bildschirm zu sehen sind, haben den schweren und entscheidenden Nachteil, dass sie mit dem Kind keine individuellen Interak­tionen gestalten können. Nur wenn Betreuer persönlich an­wesend sind, individuell auf die Aktionen des Kindes reagie­ren und das Spielen immer wieder in Gang bringen, können Kleinkinder, nachdem sie ein entsprechendes Alter erreicht haben, zeitweise dazu übergehen, das Spiel selbst zu organisieren.